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Das Kafenion - eine Institution

Kaffeehauskultur auf Kreta -

Kaffeehauskultur auf Kreta -

     bald nur noch eine Erinnerung?

 

Das καφενείο / Kafenion ist in jedem Dorf der Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens.
Vor allem ist es die Nachrichtenzentrale!
Hier wird vor und nach der Arbeit ein Ελληνικός getrunken (mittelsüß, süß, schwer süß),
Ansichten und Prognosen über das Wetter ausgetauscht (für Bauern immer wichtig)
und die neuesten Informationen, Klatsch und Tratsch deponiert zur Weitergabe an Vorbeikommende.

 

Alte Herren tagen stundenlang am Morgen, schauen über die Dorfstraße, kennen jeden der vorbei kommt und spielen am späten Vormittag Πόρτες, die bekannteste griechische Spielvariante von τάβλι (Backgammon). Vor dem Kafenion hält das Bäckerauto, der Gemüseverkäufer, fliegende Händler mit Teppichen, Oberbekleidung oder Schuhen, Reinigungsmitteln oder Plastikbestuhlung. Auch der Fischer, der einmal die Woche mit seinen Fischen morgens kommt und schon kilometerweit voraus über Lautsprecher seine Ware anpreist, verkauft im Zentrum des Dorfes, vor dem καφενείο "den besten Fisch" … den Verkaufsgesprächen zu lauschen, das Treiben im Dorfzentrum zu sehen – gemütlich … und das ist heute – nicht vor 50 Jahren.

In den Städten sind die Kaffeehäuser größer, da summt es morgens wie im Bienenschwarm und die Kellner flitzen gekonnt zwischen den Stühlen und häufig durch den Verkehr über die Straße mit Tabletts voll Kaffeetassen und Wassergläsern, die Quittung klemmt zwischen den Lippen.


Die Krise hat auch hier ihre Auswirkungen:

Bisher wurde eher formlos das καφενείο in Familientradition von älteren Menschen im Dorf betrieben. Ganz typisch, ein Zimmer mit Zugang zur Straße, drinnen und draußen mit einigen Tischen und Stühlen eingerichtet, die teilweise ein beträchtliches  Alter aufweisen. Im Winter steht mittig ein Ofen - im Sommer ist das Loch in der Wand mit Zeitungspapier verschlossen, ein Fernseher auf einem Regal in der Ecke, an den Wänden schwarz-weiß Fotos der Familie, Kalender und ein Bild des Schutzheiligen.
Hier gibt es außer Kaffeeausschank, einen (meist brummenden) Kühlschrank für kalte Getränke und der Wirt hat die Zulassung, Tsikoudia mit Meze zu servieren und so manche Trinkbeilage ist weit über das Dorf hinaus legendär … im angrenzenden Raum werden  die notwendigen Dinge des täglichen Bedarfs Kaffee, Tee, Zucker, Büchsenmilch, Batterien, Putzmittel, Besen, Insektenspray und Tierstreu für den kleinen Einkauf vorgehalten …
Jetzt sollen steuerlich alle gleich behandelt werden, das kleine Dorfkafenion und die große Cafebar in der Stadt – die Antwort auf diese Gesetzesänderung ist in den Dörfern um uns herum gut zu sehen: die Zulassungen, die aus finanziellen und/oder aus Altersgründen aufgegeben werden, finden keine Nachfolge … Schade!

Wir hatten 2 Jahre kein καφενείο im Dorf und alle sagten „Das Herz des Dorfes fehlt“ – das stimmt.

Alle vermissten die Möglichkeit die  anderen Dorfbewohnern ohne direkte Verabredung zu treffen, Jung und Alt kam nicht mehr auf ein Gespräch zusammen, die neuesten Neuigkeiten verflogen im Wind und κουτσομπολιό (Klatsch und Tratsch) blieb hinter verschlossenen Türen – gegenseitige Anteilnahme fehlte aus Unwissenheit, als der soziale Mittelpunkt nicht mehr war.
Umso mehr kam Freude auf, als das alte, stillgelegte καφενείο renoviert wurde und nun von einer jungen Familie im Dorf betrieben wird. Alles beim Alten, nur die Bestuhlung ist neu und die Dekoration an der Wand moderner … Glück gehabt!

 

Unser neues Kafenion

Unser neues Kafenion

 

Im Hinterland von Kreta, weg von der Küste, hat man manchmal den Eindruck, die Zeit steht still.
Es ist kaum zu glauben, was in einem kleinen Dorf so alles passieren kann.

 

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